The Matausch Family

Mein Job als Montessori-Marketing-Manager

Posted by: matausch on: März 4, 2008

(großartiger Titel, ne?)

Um mit einem typisch amerikanischen Spruch in diesen Artikel einzusteigen:

Question: North Garland Montessori?
Answer: Don’t.

Etwas ausführlicher. Heute habe ich meinen ersten Arbeitstag als Marketing-Manager der North Garland Montessori School angetreten. Nach stundenlangen Vorstellungsgesprächen hatte mir der Direktor dieser kleinen Privatschule gestanden, dass er schon seit Jahren auf jemanden wie wie mich gewartet hat. “Das ist aber nett”, dachte ich mir und machte mich mit Eifer zusammen mit dem gebürtigen Iraner daran, meine Aufgaben abzustecken:

- Marketing, um mehr Schüler zu bekommen
- Pressearbeit, um die Schule bekannter zu machen
- Montessori-Ausbildung (nicht zum Unterrichten, sondern um Probleme von Montessori-Lehrern zu verstehen)
- Motivationstrainer für die Lehrer

Hörte sich gut an.
Als er mir die anfängliche Bazahlung mitteilte, sank meine Stimmung schon etwas kellerwärts. Aber gut, immerhin war das mein erster Job in den USA, für den ich mich beworben hatte. Und nach nur drei Wochen in unserer neuen Heimat auch bekommen hatte. Ein Anfang war gemacht.

Doch was mich dann heute, an meinem ersten Arbeitstag, wirklich erwartete, entsprach, gelinde gesagt, nicht exakt meinen Vorstellungen. Eigentlich gar nicht. Aber immer der Reihe nach.

8 Uhr morgens
Nach 23 Meilen und 3 Dollar Straßenmaut komme ich kin North Garland an. Miss Anne empfängt mich und steckt mich gleich zu den “Lehrerinnen” (”Erzieherinnen” trifft es besser) zu den toddlers (Kinder zwischen 15 und 25 Monaten). Ich wundere mich etwas, schließlich war ich nicht als Lehrer angestellt, aber der Schuldirektor war noch nicht im Haus. Was sonst hätte ich tun sollen?

11.15 Uhr morgens
Nach gefühlten acht Millionen Bauklötzen und Holzpuzzles beginne ich mich etwas zu sorgen. Meine Sorge steigert sich zu echter Abneigung, als ich Zeuge werde, wie in dieser Schule mit dem Begriff “Montessori” Schindluder getrieben wird. Die Lehre der italienischen Psychologin fördert Eigenständigkeit und freies Denken (und bringt nebenher auch die erfolgreichsten Highschoolschüler hervor).

Wichtige Merkmale der Montessori-Methode: Die Kinder können sich ihre Lernmaterialien selbst aussuchen und dann mit ihnen machen, was ihnen gefällt. Der Lehrer beobachtet sie und führt Tagebuch über ihren Fortschritt, wobei er darauf achtet, ihnen immer wieder neue oder vertiefende Lernanreize zu geben. Es wird nur mit sehr wenig Lob und ohne jegliche Bestrafung gearbeitet. Trotz dieses in manchen Kreisen verlachten Ansatzes gehören Montessori-Schüler zu den Schülern mit den besten Noten und sozialen Skills.

Montessori als Begriff ist nicht urheberrechtlicg geschützt. Jeder kann ihn verwenden. Und da fängt das Problem an. Auch der Direktor der North Garland Montessori School hat sich seinen ganz persönlichen Traum erfüllt und eine Stätte errichtet, in der Kinder nach seinen Vorstellungen geformt werden.

Kasernenhof statt Montessori.

Ich war schockiert. Einer der ganz Kleinen weinte, weil er den ersten Tag ohne Mutter und Vater sein musste. Ich nahm ihn in den Arm und tröstete ihn. Bald hörte er zu weinen auf. Die “Montessori”-Lehrerinnen zogen es vor, dem Baby zu drohen. “Noch einmal weinen, und du musst in die Ecke!” Ich fühlte mich, als hätte jemand mit einer Dampframme meinen Bauch bearbeitet. Auch der Schuldirektor, der zwar mittlerweile aufgetaucht, mich aber nicht zum Thema Marketing befragt hatte (wofür ich ja eigentlich… aber lassen wir das), zog es vor, den Kindern zu drohen. Mal war das Strafmaß zwei Tage kein Spielen im Freien mehr (und das bei sommerlichen Temperaturen), mal war es die Androhung, den Eltern zu erzählen, wie böse das Kind gewesen sei. Liebesentzug, und das bei Kleinkindern.

Gespielt wurde nur auf einem eigenen Flickenteppich, auf den alle Spielzeuge gelegt werden mussten. Wehe, wenn den Anweisungen des Aufsichtspersonals nicht Folge geleistet wurde. Dann wurde das Spielzeug weggeräumt — und das Kind musste in die Strafecke. “Weinen verboten!” hieß es sehr, sehr oft. Wenn die Babys es trotzdem taten: Pech für sie.

Und es kam noch schlimmer. Ganz oft kam es vor, dass die Kinder miteinander spielen wollten. VERBOTEn! Sofort wurde gnadenlos eingeschritten und die subversiven Elemente getrennt. Jeder für sich, jeder alleine.

Ich habe Kerstin noch viele andere Dinge erzählt, aber das bisher Erwähnte soll genügen, um mein Entsetzen zu illustrieren. Ich als zwar-Kampfsportler-aber-Hippie-im-Herzen habe heute meine Nemesis getroffen.

Morgen kündige ich.

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